Zeitzeugeninterview mit Frau Borchardt

Frau Borchardt (Jg. 1944) kam zusammen mit ihrem Mann zu uns in die Klasse 6b und beantwortete bereitwillig unsere Fragen zum Thema Mauerbau bis zum Mauerfall. Sie ist die Großmutter eines Schülers aus der Klasse. Das Gespräch bildete den Abschluss der Unterrichtsreihe „Europa – grenzenlos?“ im Fach Gesellschaftswissenschaften bei Herrn Kühler.

Eva: Wo lebten Sie zum Zeitpunkt des Mauerbaus?

Frau Borchardt: Ich lebte bei meinen Eltern in Ostberlin, hatte gerade eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester begonnen. Meine ältere Schwester mit ihren Kindern und meine Großeltern lebten allerdings in Westberlin. Wie alle Berliner wechselte man aber nahezu täglich die Seiten, ich besuchte zum Beispiel einen Englischkurs im Amerikahaus am Bahnhof Zoo.

Finja: Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie erfuhren, dass die Mauer gebaut wurde?

Frau Borchardt: Ich war sehr schockiert, weil uns kurz zuvor noch von unserem Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht gesagt wurde: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen“. Und dann wurde doch eine Mauer gebaut.

Marlene: Wie und warum kam es zu Ihrer Festnahme im September 1961?

Frau Borchardt: Ich kannte einige Personen auf der Westseite meines Weges zur Arbeit entlang der Grenze und habe ihnen - wie meistens - zugewinkt. Plötzlich kamen Wachen, die mich dabei beobachtet haben mussten, und führten mich ab. Der Vorwurf lautete: Geplanter Fluchtversuch was totaler Quatsch war. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt so etwas geplant. Zunächst kam ich in ein Untersuchungsgefängnis, danach in das Stasigefängnis in Hohenschönhausen. Dort verbrachte ich insgesamt 8 Monate, lange auch in einer Einzelzelle.

Franka: Haben Sie während Ihrer Haft ein wenig Mitmenschlichkeit erlebt und was war am schlimmsten für Sie?

Frau Borchardt: Nein, ich habe keine Mitmenschlichkeit erlebt, die ersten vier Wochen habe ich keine Mithäftlinge zu Gesicht bekommen. Später kam noch eine zweite 17-jährige in meine Zelle, die bei einem wirklichen Fluchtversuch durch einen selbstgebauten Tunnel erwischt worden war. In meiner Einzelzelle gab es ein Bett, eine Toilette, ein Waschbecken, einen Tisch und einen Hocker. Das Fenster bestand aus Glasbausteinen, frische Luft bekam ich nur durch eine kleine Klappe. Auf den Gängen gab es ein Ampelsystem, so dass man nie andere Mithäftlinge sah. Die Vernehmer haben permanent versucht, mich als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) der Stasi anzuwerben, ich habe das allerdings immer abgelehnt. Am 30. Januar 1962 fand mein Prozess vor der Jugendstrafkammer in Pankow statt. Das Strafmaß waren insgesamt 10 Monate.

Das vollständige Interview können Sie im folgenden Jahrbuch 2018 lesen.

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